Was ist "Politische Theorie"?
Die Politische Theorie besteht aus vier Teilbereichen:
- Politische Ideengeschichte
- Politische Philosophie
- Moderne Politische Theorie
- Wissenschaftstheorie der Politikwissenschaft
Seit der Antike befasst man sich systematisch mit politischen Fragen. Die Politische Ideengeschichte ist, wie der Name sagt, eigentlich eine historische Disziplin. Es ist aber üblich, sie nicht der Politischen Geschichte, sondern der Politischen Theorie zuzuordnen. Sie erforscht die Vielzahl politischer Ideen, mit denen sich Menschen im Laufe der Geschichte beschäftigt haben. Die Politische Ideengeschichte ist damit zugleich ein wesentlicher Teil der Wissenschaftsgeschichte der gesamten Politikwissenschaft. Ihre Ergebnisse liefern folglich für alle Teildisziplinen des Faches einen historisch gewachsenen Fundus an Ideen, Argumenten, Begriffen, Interpretationen, Fragestellungen usf.
Politische Philosophie
In der Politischen Philosophie geht es nicht darum, wie Politik ist, sondern wie sie sein soll. Es geht also hier nicht um empirische, sondern um normative Fragestellungen. Welche politischen Ziele sind - unter welchen Bedingungen - sinnvoll oder gerecht? Welche Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele sind (wann) legitim (moralisch zu rechtfertigen)? Das sind die zwei der allgemeinsten normativ-theoretischen Fragen, mit denen sich politische Philosophen seit langem und bis heute beschäftigen.
Grundlage einer solchen Art praktischer Wissenschaft ist die Entwicklung und vor allem die Begründung von Wertmaßstäben. Was bedeutet überhaupt, dass ein politisches System legitim oder dass ein politisches Verfahren gesellschaftlicher Umverteilung (z. B. ein Steuersystem) gerecht ist? Und wie lässt sich die Behauptung begründen, dass es gerecht (oder legitim) in diesem Sinne sein sollte? So und ähnlich lauten fundamentale Fragen der Politischen Philosophie.
Das Erkenntnisinteresse in der Politischen Philosophie geht oft über die rein theoretische Reflexion hinaus: Politische Philosophen wollen auch Anleitungen für die Gestaltung von Politik erarbeiten, begreifen ihr Fach in diesem Sinne also als praktische Wissenschaft.
Beispiele für handlungsleitende Konzeptionen finden sich schon in der Antike bei Platon oder Aristoteles. Sie durchziehen die ganze Geschichte der politischen bzw. politikwissenschaftlichen Reflexion bis zur Gegenwart. Politikberatung, eine der zentralen Aufgaben von Politikwissenschaftlern, ist ohne politikphilosophisches Wissen unzureichend, denn ohne begründbare Wertmaßstäbe lassen sich politische Ziele und Mittel nicht vernünftig auswählen. Als Beispiel denke man an die Diskussion um den technischen Fortschritt, um die Reform des Sozialstaates oder um den 'gerechten Krieg'. Allerdings verlangt eine vertretbare Lösung normativer Probleme auch immer eine Ergänzung durch Erkenntnisse aus anderen politikwissenschaftlichen Teildisziplinen bzw. anderen Wissenschaften, denn eine vernünftige Gestaltung der Realität ist kaum möglich ohne Wissen über den Ist-Zustand.
Moderne Politische Theorie
Die sogenannte Moderne Politische Theorie (MPT) ist zuständig für die Entwicklung der allgemeinen theoretischen Grundlagen der empirischen Politikwissenschaft, für die Diskussion von Begriffen, die Erarbeitung analytischer Modelle, u. ä. Empirische politische Theorien haben das Ziel, politische Realität - je nach dem zugrunde liegenden Wissenschaftsverständnis - zu verstehen oder zu erklären, ggf. auch vorherzusagen. Die MPT bildet folglich die Grundlage der Forschung in den anwendungsorientierten Teildisziplinen, z. B. in der Internationalen Politik und in Analyse und Vergleich politischer Systeme.
Wissenschaftstheorie der Politikwissenschaft
Für die gesamte Politikwissenschaft stellen sich Fragen wie: Was ist überhaupt politikwissenschaftliches Wissen? Welche Methoden sind auf bestimmte Probleme anwendbar? Mit welcher Art von Argumenten können politikwissenschaftliche Aussagen begründet werden? Welche Fragen können gegenwärtig überhaupt wissenschaftlich behandelt werden?
Die Wissenschaftstheorie der Politikwissenschaft befasst sich mit diesen Fragen. Sie untersucht, was die Politikwissenschaft zur Wissenschaft macht, welche politikwissenschaftlichen Methoden wissenschaftlichen Standards genügen etc. Die Politikwissenschaft wird damit selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion. Ein wichtiges Ziel der Wissenschaftstheorie ist es, Wissenschaft und Spekulation gegeneinander abzugrenzen und die Wissenschaftlichkeit politikwissenschaftlicher Arbeit zu gewährleisten.
Die Gegenstandsbereiche der Politischen Theorie sind mit den anderen Teildisziplinen der Politikwissenschaft vielfältig verflochten. Die Politische Theorie reflektiert Methoden, formuliert Fragestellungen, stellt Begriffe und Theorien für die empirische Forschung bereit, und stellt damit das theoretische Fundament der Politikwissenschaft dar.
Dieser Text basiert teilweise auf: Druwe, Ulrich: Politische Theorie, 2. Aufl. Neuried 1995, S. 9-15.